TA N Z
Cinderella Games
vier choreografische Kommentare zum Thema Boxen

U R A U F F Ü H R U N G :
18. 2. 2007
W E I T E R E V O R S T E L L U N G E N :
19. - 23. 2. 2007
in der Ritze auf der Reeperbahn 142, in 20359 Hamburg

W E I T E R E V O R S T E L L U N G E N :
28. 2. - 2. 3. 2007
in der Schwankhalle Bremen, Buntentorsteinweg 112, 28201 Bremen

 

Jeder Boxkampf ist eine Geschichte - ein einzigartiges Drama ohne Worte. Vielleicht geschieht nichts Sensationelles: Dann ist das Drama "rein" psychologischer Natur. Boxer setzen eine Art absoluter Erfahrung in die Welt, die öffentliche Darstellung äußerster Grenzen. Joyce Carol Oates

Der sportliche Körper als Motiv in der zeitgenössischen Kunst: Angesichts einer Welt, die gekennzeichnet ist von immer größeren ökonomischen und politischen Unsicherheiten, stellt dieser im geschlossenen System des Sports einen Bezugspunkt dar, repräsentiert eine verfügbare Größe, wird in einer abstrakten und entsinnlichten Gesellschaft zu einer Sinn stiftenden Instanz, wenn nicht zum Kultobjekt.
Der Körper des Boxers ist eindeutig Kult, Muskel bepackt steht er als Metapher für den harten Lebenskampf. Denn der Boxer stand schon immer für die untersten Randgruppen der Gesellschaft, verkörpert somit gleichzeitig die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs - vom Aschenputtel zum Helden.

Und spätestens mit der mehrfachen Weltmeisterin Regina Halmich ist auch der Frauenboxsport in Deutschland im öffentlichen Bewusstsein angekommen.

Die Kunst wie auch den Sport kennzeichnen Attribute, wie Codes, Instrumentarien und Körpergesten. Im Boxen ist deren Nähe zu performativen Strategien des zeitgenössischen Tanzes oft verblüffend.

Was mag eine Choreografin an den Botschaften des Boxsports interessieren, haben wir uns gefragt? Was fasziniert heute zunehmend Frauen an dieser immer noch männlichsten aller Sportarten? Was treibt sie dazu, die Schmerzen des Trainings zu ertragen, der Gegnerin im Ring das Gesicht blutig zu schlagen? Schmerzen und Verlertzungen werden im Tanz eher versteckt und ignoriert. Im Gegensatz dazu sind sie für den Sport kein Tabuthema, gerade der/die BoxerIn lebt und kämpft offen mit dem Risiko der körperlichen Versehrtheit. Das Feld körperlicher Entgrenzung und Trance, das sich hinter der Erschöpfung und dem Schmerz öffnet, wird von Boxern oft beschrieben und ist oft wichtigster und entscheidender Moment eines Kampfes. Auch Tänzer kennen diese Momente, in denen sie über den Körper hinaus gehen.

Gleichzeitig zielt die künstlerische Vision von Cinderella Games darauf, die Hermetik der Disziplinen aufzubrechen und unterschiedliche soziale Milieus und Publikumsschichten zu verschränken. Die Cinderellas der Tanzbühnen betreten in Hamburg mit der weltbekannten Box-Kultstätte Ritze auf der Reeperbahn einen Ort, der über so manchen Aufstieg und Fall, sportlich wie gesellschaftlich, Zeugnis ablegen kann. Zwar hat das Etablissement schon bessere Tage gesehen. Doch der Ruhm ihres Boxkellers, dessen zerschlissener Bodenbelag getränkt ist von Blut, Schweiß und Tränen von Generationen von Boxern lebt nach wie vor nicht allein durch die Geschichte. In Bremen wird dann der Boxsport ins Theater eingeladen.

# Weitere Gastspiele in Berlin und Paris sind in Planung.

# Künstlerische Leitung, Konzept, Regie und Dramaturgie für die Gesamtproduktion: Irmela Kästner, Barbara Schmidt-Rohr, Tanzinitiative Hamburg

# Choreografien von: Katrin Schyns, Berlin; Dorothea Ratzel, Hamburg; Mélanie Sulmona, Paris; Anne Minetti, Paris/Bremen

# Cutman: Delta RA'i

# Licht: Tanja Novak

# Ton: Tobias Gronau

 

Produktionsleitung : Joschi Neu

# Eine Koproduktion der Tanzinitiative Hamburg e.V. und DOCK 11
mit steptext dance project Bremen und Théâtre l'Etoile du Nord, Paris
gefördert von: Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg, Nationales Performance Netz, aus Mitteln des Tanzplan Deutschlands der Kulturstiftung des Bundes

 

© Barbara Schmidt-Rohr, Irmela Kästner

Produktion:
Tanzinitiative Hamburg e.V.
Bernstorffstr.117
D-22767 Hamburg
Tel:+49 40 439 38 48
Mail: info@tanzinitiative.de
www.tanzinitiative.de


Cinderella Games - 4 choreografische Kommentare zum Thema Boxen


Ali, grant me serenity
Ein Vorstoß zur Relativität von Sieg und Niederlage von und mit Katrin Schyns, Berlin

# Von und mit Katrin Schyns, Berlin
# Regie: Thomas Langkau
# Musik: Claude Chassevent
# Kostüm: Katja Filipovich

"Back up, fucker, back up
Come and get me
I am dancing
I am dancing
Follow me, foul
I am not there, I am here, fucker.
You ain`t got nothing
Scared of what? Nothing to be scared of…"
Muhammad Ali, Kinshasa 1974

Sie tritt auf und singt ihre eigene Hymne. Ein "Walk in" der Huldigung an die Entschiedenheit, Geradlinigkeit und Kompromisslosigkeit des Boxers.
Sie betritt den Ring. Applaus.
Sie wartet.
Wie Aschenbrödel auf den Prinzen, der kommt und sie holt.
Der Held, ihr perfektes Gegenüber.
Sie bleibt allein.
Die Menge schreit: Wo ist der Kampf!? Bouma ye!
Sie tritt an.
Gegen sich.
Selbst.

" Der wichtigste Sieg ist der gegen dich selbst."
Axel Schulz




(Titel nn)

# Choreografie: Anne Minetti, Paris/Bremen
# mit: Anne Minetti, Boxerin, Slam-Poet

Ohne Schiedsrichter kein Boxkampf. Ohne Grenzen keine Menschlichkeit? Kommt man aus dem Viereck des Boxrings nur als Gewinner oder Verlierer heraus? Hier werden alle Beteiligten als Gewinner hervorgehen, dank der Struktur des Kampfes, seinen Regeln und Grenzen. Es ist ein sozialer Ausweg.

Die Welt des Boxens: das Blut, der Schweiß, die Energie, der Rhythmus, die Überwindung des Schmerzes und das Adrenalin, ohne das nichts ginge. All das setzt den äußeren Rahmen - um die menschlichen Gefühle aufblühen zu lassen.

Der Kampf im Boxring ist Kampf ums Leben. Angefangen beim Kampf der Frauen gegen ein Gesetz, das ihnen bis Ende der 1980er verbot, in der Öffentlichkeit zu boxen, über den Kampf der Mädchen aus den Vorstädten für ihre Freiheiten bis hin zum Kampf des Kindes gegen seine Tränen.

Im Ring treffen zwei Kämpferinnen (eine Tänzerin und eine Boxerin) und ein Schiedsrichter (Slam Poet) aufeinander. Der Schiedsrichter ist aktiver Zeuge. Mit dem Mittel der Sprache feuert er die Aktion an und setzt gleichzeitig Grenzen. Er warnt vor der Zerbrechlichkeit des Körpers. Er erkennt sowohl die Gefahr als auch die Gerechtigkeit der Sache.
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(Titel nn)

# Choreografie: Mélanie Sulmona, Paris
# mit: Mélanie Sulmona, Karla Pollux

Im Hip-Hop ist der sogenannte "battle" durch codes, d.h. durch bestimmte Gesetze, geregelt, dessen Bedeutung vor allem symbolisch ist: es geht um Selbstüberwindung, um physische Spitzenleistung, um den Willen zum Sieg. Die Vorgaben sind ähnlich wie beim Boxen, nur dass keine Schläge ausgetauscht werden.

Die Frauen im Hip-Hop haben Jahre gebraucht, sich bei den Männern Respekt zu verschaffen, genau wie die Boxerinnen. Widerspruch zwischen weiblicher Solidarität einerseits und Wettbewerb andererseits waren die Folge. Die Härte des Trainings ist schließlich ähnlich, und viele sind dazu gezwungen worden, "männlicher zu werden", um ihre Leidenschaft besser ausleben zu können, wenngleich beide Disziplinen durch die Hinwendung der Frauen eine große Entwicklung erfahren durften.

In diesem Stück bewegen sich zwei Tänzerinnen auf der Suche nach einer gestischen Mischung aus Tanz und Boxen. Es werden keine Schläge ausgetauscht. Vielmehr geht es darum, in eine Art tänzerischen Kampf einzutauchen. Die Beziehung der beiden Frauen im Ring weist auf ihr Verhältnis als Gegnerinnen und Partnerinnen hin, auf die Ambivalenz von Kampfgeist und Verletzlichkeit, in einer Welt, die nicht unbedingt für sie geschaffen ist.
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Tod oder Leben?
# Choroegraphie/Idee: , Hamburg
# Musik/Interview: Paul Ratzel

 

Der Boxer: in Verhandlung
Die Stimme: eine weibliche Profi Boxerin

Ist die Entscheidung ob Sieg oder Niederlage eine Frage des Willens?
Ein Boxer im Ring, ein Held auf der Bühne. Sein Gegner: die Stimme einer Boxerin aus dem Off. Sie stellt die Fragen, die sie selbst beantwortet, stellvertretend für den Mann im Ring. Sie kommandiert. Ein Duell findet statt zwischen dem Kämpfenden und der Stimme. Der Stimme im Kopf.
Wie kannst Du gewinnen? Warum hast Du Zweifel? Was hast Du drauf?
Auf welcher Seite stehst Du? Die Stimme im Kopf mischt sich mit den Anfeuerungen des Trainers. Wer führt letztlich die Fäuste des Boxers und entscheidet somit seinen Kampf?

Boxen ist kein Spaß! Es geht um verlieren oder gewinnen. Dazwischen gibt es nichts. Es geht um Leben oder Tod, dazwischen existiert nur die Angst. Die Angst, zu versagen, die Angst, zu sterben. "Nicht gewinnen" ist eine Art von Sterben.

Ein gut trainierter Profi - Boxer wird hier zum Stellvertreter einer ganzen Branche. Er teilt aus, er teil sich mit, verändert sein Wesen, indem er immer mehr zum Darsteller wird - und am Ende tanzt. Die Stimme der Boxerin ist eine Traumstimme und steht für den weiblichen Anteil des Mannes auf der Bühne.

Stimme und Tanz verbinden sich am Ende zu einer Figur.
Und zu einer Behauptung: den Killerinstinkt muss jeder haben, der siegen will.


Delta RA'i - Wasser-Rituale zwischen den Choreografien

 

 

Cinderella Games - alle Bios

Barbarba Schmidt-Rohr und Irmela Kästner, sind Gründungsmitglieder und Mitglieder im künstlerischen Leitungsteam der Tanzinitiative Hamburg - Verein zur Förderung des zeitgenössischen Tanzes, der seit 1993 in Hamburg Werkstattprojekte, Aufführungen und Festivals realisiert. Im Rahmen des Vereins widmen sich die beiden in den letzten Jahren zunehmend der Entwicklung und Produktion innovativer Formate und Projekte im zeitgenössischen Tanz. Modellcharakter für ein Tanzprojekt im öffentlichen, urbanen Raum genießt bereits ihre Installation "Tanz in Containern", die mit "Glamour" 2004 auf dem Spielbudenplatz, mit "Magic Light" 2005 auf dem Hachmannplatz/Hauptbahnhof realisiert wurde und 2007 mit "Bric-à-Brac" auf dem Rathausmarkt stattfinden wird.

Katrin Schyns, Berlin, studierte Tanz und Musical/Show an der UDK Berlin, arbeitete als Solistin beim Nationaltheater Mannheim und am Staatstheater Darmstadt. Heute arbeitet sie freischaffend als Tänzerin, Schauspielerin und Choreografin u.a. am Freien Theaterhaus & Gallus Theater in Frankfurt/Main, an der Volksbühne Rosa-Luxemburg-Platz, Dock 11 Berlin. In Zusammenarbeit mit dem Regisseur, Choreograf und Tänzer Thomas Langkau entstand bereits ihre Tanztheater-Arbeit "Zitate aus einer Welt mit Häkelkakteen und geprobten Verbandswechseln", Premiere Dock 11 Berlin.

Dorothea Ratzel, Hamburg, studierte zeitgenössischen und modernen Tanz in Berlin und Amsterdam. Seit 1989 arbeitet sie als freischaffende Tänzerin, Choreografin und Schauspielerin. In ihren Arbeiten überschneiden sich die Bereiche Theater und Tanz. Nach ihrer Soloarbeit "unica" im Jahr 2005 hatte kürzlich das zusammen mit Jochen Roller erarbeitete Duett "Kojote - Eine Moralanalyse" auf Kampnagel Hamburg Premiere. Sie ist künstlerische Leiterin des neuen Hamburger Tanzensembles "sub`s tanz", dem Mitglieder von Station 17 und Mitarbeiter der Alsterarbeit angehören.

Anne Minetti, Paris, Choreografin/Tänzerin. Nach ihrer Ballettausbildung an der Schule der Royal Academy of Dancing (London), lernt sie bei Eric Senen, François Laroche-Valière, Hans Züllig und Lucas Hoving Modernen Tanz. Bis 1994 tanzt sie bei Claude Brumachon am Centre Chorégraphique National de Nantes. Bis 2001 arbeitet sie am Bremer Tanztheater unter Susanne Linke und Urs Dietrich. Bei den "Jungen Choreografen" stellt sie in Bremen erste Stücke vor. 1995 kreiert sie zusammen mit dem Choreografen Helge Letonja/steptext dance project Bremen "La stratégie de la rupture". Bis heute ist sie Mitglied von steptext, choreographierte für die Compagnie das Stück "4 m3". In Bremen arbeitet sie außerdem mit der Jugend-Compagnie DE LooPERS, in Paris seit 2004 mit dem Choreografen Jacques Fargearel.

Mélanie Sulmona, Paris, Choreografin und Tänzerin, entdeckte als Jugendliche den HipHop. Vorher trainierte sie klassisches Ballett und Jazz Dance. Sie trainiert im ‚forum des Halles', spezialisiert sich auf die "poppin"-Technik und zählt in dieser Männer-Domäne in Paris zu einer der ersten Frauen. Ihr HipHop verkörpert die Philosophie der Straße und grenzt sich vom Mainstream eines MTV-HipHop ab. Seit 1999 widmet sie sich auch dem zeitgenössischen Tanz, arbeitet mit der Choreografin Laura Scozzi in den Stücken "Etant donné la conjoncture actuelle", "À chacun son serpent", "Sol à sol avec poids". 2003 kreiert Christine Bastin mit Sulmona und ihrem Partner das Duo "Elle et Lui". Unter Bastin lernt Sulmona Luftakrobatik. Parallel dazu tanzt und choreografiert sie für die HipHop-Compagnien Choréam und Naïades und kreierte für sich das Solo "Vertigo" aus HipHop und Luftakrobatik.

Delta RA'i, Berlin/Wiesbaden, ist Performer, Regisseur, Choreograf. 1987 war er Mitbegründer des ersten deutsch-japanischen Butohensemble tatoeba Theatre Dans Grotesque, mit dem er international tourte. Seit einigen Jahren arbeitet er mit dem Berliner Choreografen Felix Ruckert. Er wirkte in Deluxe Joy Pilot als Master of Ceremony mit, weiter in Secret Service, Placebo Treatment, United Kingdom. Mitte der 1990er entwickelte Delta RA'i eine Rituelle Fußwaschung als interaktive Kunstaktion, die er in Museen, Galerien, bei Performancefestivals im In- und Ausland praktiziert.