T A N Z

SECRET SERVICE

30., 31. Januar 2002, 1., 2., 3., 4., 5. Februar 2002
permanenter Einlaß bis 22 Uhr

Mitwirkende: Catherine Jodoin, Elettra de Salvo, Isabelle Schad, Solange, Lara Martelli, Matthieu Burner, Anton Reza Bernal, Gabriel Staelen, Delta RA'i, Felix Ruckert, Hélène Chevrier u.a.

Musik: Eastpole
Licht: Benjamin Schälike

Konzept und Choreographie: Felix Ruckert

Leiblabor: Unser Leib als Bewegungsorgan ist Offenstehen von Welt im Medium der Sinnlichkeit. In ihm bündelt sich ein intersensorisches
Geschehen aus dem Raum und Zeit als Gestalten der Bewegung hervorgehen.
Unser Leib ist nicht im Raum, er selber ist das Geschehen von Raum. Unser Leib ist nicht in der Zeit, er selber ist das Geschehen von Zeit. Um dieses Geschehen zu realisieren hilft kein Denken und zuschauen. Nur die lebendige Erfahrung der Leibbewegung
selbst kann uns gewahren lassen, woher unsere Bewegung kommt. Die Fernsinne Sehen und Hören distanzieren uns beim Zuschauen und Zuhören von diesem Geschehen, das wir selbst ja immer schon sind, aber nur selten eigens darauf achten. Nur die radikale Zuwendung zu den Nahsinnen läßt das Äußerliche wirklich innerlich werden. Wir selber werden zum Ort der Kunst, nicht indem wir Bedeutungen verstehen, sondern indem wir zum Ort und zum Augenblick der Bedeutungsschöpfung werden. Durch die Sinne geht
neuer Sinn hervor. (von Rolf Elberfeld)

Die neue Arbeit der Cie Felix Ruckert verweigert die Simulation
jeglicher Bedeutung und beschränkt sich auf das konkrete physische
Wahrnehmen, der direkten Erfahrung von Bewegung, Zärtlichkeit, Lust und Schmerz.

"Secret Service" ist angewandte Anthropologie: das Individuum unterwirft sich dem Stück, es liefert sich völlig aus. Es wird zum Mittelpunkt eines Geschehens von dem es lediglich über Anfang und Ende mitbestimmt. Sein Körper ist Studienobjekt und Aktionsfeld.

In STUFE 1 werden dem Gast die Augen verbunden. Daraufhin wird er bewegt und geführt, versucht und verführt, manipuliert und herausgefordert.
Sein Körper gehört den Tänzern, die ihn begleiten und ermuntern. Das Spiel mit und auf seiner Haut führt ihn auf eine Reise ins eigene
Unbewusste.

Nach einer Pause gibt es die Möglichkeit auch STUFE 2 zu probieren.

In STUFE 2 werden dem Gast auch die Hände gebunden. Das Spektrum der Sinneseindrücke erweitert sich um die Erfahrung von Lust und Schmerz.

Keine Kunst. Kein Geschwätz.
Dieses Stück wird Sie berühren.
Zärtlich. Lustvoll. Direkt.

 

 

 

Texte und Fotos zu dem neuen Stück folgen!!!

 

Zur choreographischen Arbeit von Felix Ruckert / Berlin:

1. Konzeptioneller Ansatz
2. Biographisches
3. Konzepte aktueller Arbeiten
4. Ökonomisches
5. Ausblick 1999/2000


1. Konzeptioneller Ansatz:

Felix Ruckert ist Choreograph, und doch geht seine Arbeit weit über das hinaus, was man gewöhnlich als Choreographie bezeichnet. Sie stellt grundlegende Fragen zu Tanz und Theater, aber auch zu bildender Kunst, Ökonomie, Soziologie, Philosophie und Psychologie.
Seine Vorgehensweise ist eklektizistisch, undogmatisch, anti-hierarchisch und persönlich. Seine Stücke brechen immer wieder mit herkömmlichen Formen und stiften Verwirrung: Je nach Standpunkt des Betrachters sind sie Tanz, Musik, Installation, Skulptur, Anthropologie, Gesellschaftsspiel, Therapie, Provokation. Er arbeitet mit Laien und Professionellen, Tänzern und Nicht- Tänzern, Jugendlichen und Alten. Ruckerts Tanz findet nicht nur auf der Bühne statt, er evoluiert in den unterschiedlichsten Räumen, vor allem aber findet er im Kopf, im Körper, in der Seele des Rezipienten statt.

"Ruckerts Kunstverständnis und interdisziplinäre Projektarbeit rücken den Choreographen in die Nähe der englischen Live-Art-Artisten. Der schwierig zu fassende Begriff bezieht sich auch in Großbritannien nicht mehr ausschließlich auf den Bereich der bildenden Kunst, meint Kunst in der Überschreitung von Kategorien und als momentanes Ereignis. Live Art wird mittlerweile als Synonym für Performance benutzt. Künstler wie Ruckert wollen sich nicht einordnen lassen. Sein konzeptioneller Ansatz ist nicht nur jeden Abend erneut einmalig, er ist - bislang - auch einzigartig."...
( "Klaus Witzeling in Ballett International/Tanz Aktuell 7/97)
Es ist also kein Wunder, daß seine Produktionen nicht nur von Tanzinstitutionen (Dock 11, Berlin; TanzWerkstatt Berlin, Kampnagel Hamburg; Centre de Developpement Chorégraphique Toulouse; Théâtre Contemporain de la Danse, Paris; Théâtre Balsamine, Brüssel um nur einige zu nennen) gefördert werden, sondern daß er auch von Museen (Centre Georges Pompidou, Paris), Festivals experimenteller Kunst (de Beweeging, Antwerpen) und Musiker-Verbänden (Stadtgarten, Köln; Coincidentia Oppositorum, Cagliari) Aufträge erhält.

"Der deutsche Choreograph hat es klar erkannt, die Zukunft des Menschen gestaltet sich im Wirklichen, in der Beziehung zum absoluten Jetzt, im Gegenwärtigen, Berührbaren, Physischen. Der Tanz und der Körper können eine Rolle in dieser Zukunft spielen. Wir können sicher sein, daß seine einzigartigen Zeugnisse von choreographischer Erneuerung eine Ankündigung weiterer fruchtbarer künstlerischer und menschlicher Begegnungen bedeuten und endlich auch eine Rückbesinnung auf uns selbst."
( Bertrand Tappolet in Scènes, Genf)


2. Biographisches:

Felix Ruckert hat nicht nur eine hochqualifizierte Ausbildung zum professionellen Tänzer ( Diplom der Folkwang Hochschule Essen und Studien bei einigen der wichtigsten zeitgenössischen Pädagogen wie Peter Goss in Paris und Alberto Corvino und Maggie Black in New York) sowie eine reiche Bühnenerfahrung aus Engagements bei einigen der bedeutendsten europäischen Choreographen ( Pina Bausch, Wanda Golonka, Mathilde Monnier u. a.) sondern auch - da er relativ spät zum Tanz kam - eine reiche Lebenserfahrung. Er arbeitete als Musiker, Gärtner, Holzfäller, Schichtarbeiter, Monteur, Lastwagenfahrer und Dressman. Er lebte in Deutschland, Frankreich, Italien und U.S.A. Er spricht, schreibt und liest vier Sprachen. So ist seine Arbeit immer universal, direkt und leicht zugänglich, niemals aber oberflächlich und leicht konsumierbar.


3. Konzepte aktueller Arbeiten:

Die Arbeit Ruckert kommt aus der Tradition des Tanztheaters, wie es im Umfeld der Folkwang Hochschule mit ihrer interdisziplinären Programmatik entstand.
Wie Pina Bausch interessiert er sich für das, w a s die Menschen bewegt und weniger
w i e sie sich bewegen. Dieser Hintergrund wird deutlich in Produktionen wie Krapplack (1997), das mit den Klischees des Tanztheaters spielt und dabei den Kanon von Emotionalität und Expressivität auf der Bühne mit den Mitteln der Ironie kritisch hinterfragt.

Die meisten seiner Produktionen gehen aber einen entscheidenden Schritt weiter. Die Bausch'e Auffassung von der potentiellen tänzerischen Qualität, auch der alltäglichen Bewegung wird nicht nur auf den professionellen Performer angewendet, sondern erstmalig auch auf den Rezipienten selbst. Dieser wird gleichsam ohne es selbst zu merken - denn darin liegt die Effektivität der Ruckert'schen Methode, die jede Didaktik vermeidet - zum Teil der Inszenierung.

"Das Theaterabenteuer wird damit quasi endophysikalisch. In der physikalischen Welt, auch der des Theaters, agieren Elementarteilchen in einander widersprüchlichen Möglichkeitsformen. Aufgrund ihrer doppelten Eigenschaft, sowohl als Teilchen als auch als Welle zu erscheinen, tauschen sie übergangslos ihre Identität und bringen das beobachterunabhängige ‚Jetzt' völlig durcheinander. Genauso ist es bei Felix Ruckert. ....
Sein experimenteller Raum macht deutlich, was Werner Heisenberg entdeckte: Wenn nicht beide, Zuschauer und Performer, als Teilchen und Welle agieren, kommt es in der Performance zu Störungen. ... Felix Ruckert, der uns mit auf die Bühne stellt, akzeptiert diese moderne Physik; vor der Bühne herrscht zwar die Welt des physikalischen Scheins, Ruckert erlaubt uns aber mitten in den Schein hineinzutreten."
(Arnd Wesemann in Tanzplattform Deutschland 2/98)

Er begnügt sich also nicht mit der optisch-akustischen Rezeption seiner Stücke, sondern macht Tanz im wortwörtlichen Sinne begreif- und erfühlbar. Diese direkte, sinnliche Wahrnehmbarkeit macht die Arbeit sowohl avantgardistisch als auch sehr populär.

"So nahe am Tanz zu sein, wie man es nur im Studio, wie man es nur unter Tänzern sein kann, ist äußerst berührend. Denn die Frage, die dieses Stück an den Tanz stellt, ist die nach seiner Fähigkeit oder Unfähigkeit eine Kunst der Erotik sein zu können. Indem es den Körper und seine Wahrnehmung fragmentiert, operiert Hautnah genau umgekehrt wie der Zuschauer, der sein Opernglas auf den Schönheitsfleck der Primaballerina adjustiert. Seine größte Perversität besteht darin, daß es den Körper auf Distanz bringt, indem es ihn als Subjekt plaziert, ihn beschreibt als das zur erotischen Zirkulation am wenigsten geeignete Vehikel."
(Marie Christine Vernay in La Liberation, Paris 1/97)

Diese Recherche begann 1994/1995 mit der Reihe der 'Küche', Experimente, die Tänzer, Musiker und Publikum in mehrstündigen theatralischen Ritualen vereinte. Sie wurde fortgesetzt mit dem Hautnah-Projekt (1995/1996), das in vier Versionen realisiert wurde und extrem erfolgreich ist. (Insgesamt bisher 184 Vorstellungen in 21 Städten fünf europäischer Länder). Sie mündet im jüngsten Projekt 'Schwartz' (Juni 1998) das sogar ganz ohne Performer auskommt und das theatralische Resultat völlig dem Zusammenspiel von Musik, Rauminstallation und der Kreativität der Zuschauer selbst überläßt.